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Der Nussbaum

Es war ein gar schöner Tag. Hannes liebte den alten Nussbaum im Garten seiner Eltern. Dieser Baum ist gar vortrefflich für sein Vorhaben. Er nahm das Seil, welches er sich aus dem Schuppen genommen hatte. Es ist ein perfekter Tag für sein Vorhaben. Niemand ist daheim und kann ihn dabei stören. Während er das Seil anbrachte dachte er lange über das nach, was ihn zu seiner Tag bewegen sollte. Er war 22 Jahre jung. Noch niemals hatte ihn eine Frau liebkost, niemals hat ihn jemand mehr als einen Kumpel genannt. Seine blonden Haaren waren struppig und nicht zu bändigen. Seine fettigen Locken ragten in sein von Aknenarben gezeichneten Gesicht hinein. Wie oft hatte der Hochgewachsene sich dafür gehasst, dass er seiner Zeit keine Disziplin hatte, um das schreckliche Jucken dieser Pickel nicht mit Kratzen begegnen zu müssen. Es waren genau achtundvierzig Narben, welche ihn entstellten.


Er warf das Seil um einen Ast und bedachte die lachenden Kinder, welche er in seiner Jugendgruppe betreute. Verdammt, selbst diese kleinen Hosenscheißer hatten keinen Respekt vor ihm. Niemand hatte dies; auch wenn er es noch so gut meinte. Bei der Arbeit war es immer das Gleiche gewesen. Er hat in seinem Ausbildungsbetrieb nie wirklich Freunde sein Eigen nennen dürfen. Die Kollegen hatten ganz eigene Ansichten und er schien sich in ihrer Schlager- und Volksmusikwelt nicht wirklich wiederfinden zu können. Im Gegenteil die heile Welt, welche doch so oft während der Arbeit besungen wurde, schien sich ihn als Opfer einer wahren Tyrannei der Normalen auserkoren zu haben. Niemals meinte es jemand wirklich böse, wenn man sich ihn als Opfer ausgesucht hatte, aber was würde dies ändern? Nein, er war alleine. Später ging diese Firma pleite. Es war nicht das einzige Unternehmen, welches der schwachen Auftragslage in der kleinen Gemeinde nicht gewachsen war.


Er stellte einen kleinen Hocker unter dem Seil. Seine Eltern hingen ihn in den Ohren. Jeden Tag wurde er befragt, wie lange er noch planen würde arbeitslos zu sein. Seine werten Kollegen konnten zu großen Teilen eine Anstellung in einer anderen Stadt finden; doch niemand hatte anscheinend Vertrauen in seinen Fähigkeiten. Immer wieder musste er in Briefen an ihm lesen, dass er noch jung sei und noch viele Möglichkeiten haben würde. Keiner wollte ihm allerdings auch nur eine Möglichkeit anbieten, damit er sich beweisen konnte. Der Knabe war sauer und sein Beschluss unumstößlich.


Er legte den Strick um seinen Hals und trat auf den Hocker. Er überprüfte noch einmal den Knoten für den Strick und verfluchte noch einmal Nicole, welche sich einen Spaß aus seiner Liebe zu machen schien. Sie war schrecklich und doch so lieb. Sie würde sicherlich bemerken, was sie an ihm verloren hat, wenn er einmal nicht mehr war. Schon vom ersten Tag an, als sie im Jugendzentrum aufgetaucht war, mochte er sie. Sie hatten eine Zeit lang zusammen eine Gruppe von jungen Kindern betreut. Allerdings wies sie ihm bei jeder Möglichkeit in seine eng gestrickten Schranken.


Hannes trat den Hocker weg. Er hang nun in der Luft und genau diese war es, die ihm nun langsam knapp werden würde. Der Todgeweihte dachte noch einmal an seinem Onkel, welcher ihn immer wieder gerne zum Angeln an den kleinen Weiher um die Ecke mit nahm. Wie groß waren die Fische immer gewesen, welche die beiden immer wieder mit nach Hause nehmen konnten. Seine Mutter hatte sich immer wieder über die frischen Fische gefreut. Sie schien wirklich Gefallen an der reichen Beute gefunden zu haben. Immer saß die Familie gemeinsam am Tisch und genossen die Zusammenkunft.


Sein Hals begann zu schmerzen. Es tat weh, wenn er an seinem Patenkind dachte. Henrike hat ihn vergöttert, wenn er ihr Geschichten aus dem großen Märchenbuch vorgelesen hatte. Sie hing förmlich an seinen Lippen und wollte immer noch eine Seite mehr hören, wenn Hannes das Buch weglegen wollte. Ja, Henrike war schon eine ganz liebe Person.


Die Luft blieb ihm nun weg und ihm wurde schummrig. Er kannte so ein Gefühl von dem harten Fußballspielen, die er seiner Elf bestritt. Sie waren zwar nicht immer Tabellenführer, allerdings konnten sie sich nie über einen Mangel an Erfolgen beklagen. Solange dieser Spieler im Tor gestanden war, gab es keine Saison, in der sie kein positives Torverhältnis gehabt haben. Man solle verdammt sein, wenn es sich auch nur einmal ändern würde. Er war in den Augen der Mannschaft ein Garant für ein erfolgreiches Spiel. Er liebte die Feiern nach den Spielbegegnungen. Diese waren immer etwas besonderes. Es wurden zwar jedes Mal die gleichen Geschichten über besondere Spielsituationen bis ins Kleinste erläutert und immer war das berühmt-berüchtigte Spiel zwischen der Vorgängermannschaft und die Mannschaft des verhassten Nachbarortes Thema gewesen. Ja, diese Mannschaft war ihm lieb und teuer geworden. Diese Fußballer waren ihm liebe Freunde geworden.


Nein, was tat er eigentlich? Ein klarer Gedanken kam ihm zugeflogen. Er riss seine Augen schnell und weit auf. Hannes griff nach dem Strick und tastete an ihm entlang. Er versuchte den Knoten zu öffnen. Er entglitt ihm. Nein, so wollte er nicht enden. Er versuchte es abermals. Aber je mehr er es auch versucht hatte, desto mehr wurde die Luft aus seinen Lungen gepresst, als er wieder abrutschte. Er versuchte zu schreien. Es entsprang ihm allerdings kaum ein Laut. Der junge Mann sah sich nun hilflos seinem Schicksal gegenüber.


Ein Teil von ihm wollte aufgeben. Die Befreiungsversuche seien sinnlos und schließlich hatte er sich doch heute Morgen vorgenommen, dass er diese Tat endlich vollziehen sollte. Er wollte seinem Leben einem raschen Ende bereiten und nun ergab er sich nicht der Entscheidung. Verdammt! Nicht einmal dieses Vorhaben konnte er mit Würde zu Ende bringen.


Doch da war der Gedanke daran, was seine Eltern fühlen mussten, wenn diese ihn hier am Nussbaum vorfinden würden. Seine Mutter würde es bestimmt das Herz brechen. Nein, das wollte er ihr nicht antun. Der ehemals Todesmutige griff an seinem Strick und zog sich an ihm hoch. Der Mann rutschte ab und musste laut keuchen. Noch einmal... dieses Mal konnte er sich so halten. Wie ging es nun weiter? Was sollte er tun? Vielleicht kann man sich am Stamm abstützen, wenn man ihn erreichen könnte. Ja, das wollte er versuchen. Hannes schwang sich so stark er konnte in Richtung des Stammes. Der Stamm war ein dankbares Ziel. Dieses Ziel war es, welches ihn mit offenen Armen empfangen sollte. Der junge Mann versuchte seine Beine, um dem Baum zu schließen. Es gelang ihn, doch rutschte Hannes ab und riss sich den Rücken auf. Er schrie auf. Er hatte sich diese Sache doch so reiflich überlegt.


Er schwang noch einmal, nahm all` seine Kraft zusammen konnte sich am dem Stamm krallen. Nun musste er sich nur hochziehen. Seine Arme ließen den Strick los und umschlossen nun den starken Ast, welcher ihn trug. Sein Rücken schmerzte und etwas seinem Rücken herunterlief und ihm einen Schauder durch die Adern bereitete. Er krallte sich mit einer Hand fest um den Ast und versuchte seinen Rücken zu berühren. Ah, das brennt. Er erschrak sich und ließ los.


9.9.09 14:52
 


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